Tag 9

An diesem Morgen fuhren wir das letzte Mal zur Schule, deren Personal in Vorbereitungen des Flussfestes vertieft war. Einige Mädchen beschlossen ihnen zu helfen und wickelten dazu Blätter um einige Seile. Ich bewunderte ihre Präzision und Beharrlichkeit bei dieser anspruchsvollen Aufgabe. Nach der Arbeit wurden wir eingeladen, etwas Volleyball mit den Schülern zu spielen. Das Spiel funktioniert in Indien anscheinend etwas anders und sie waren sich der Regeln nicht zu 100% im Klaren. Zum Beispiel spielte man nicht wie bei uns in Zweierteams, sondern in Teams von 32 Personen. Dadurch wurde es nahezu unmöglich einen Ball zu erwischen, was jedoch ganz im Sinne der meisten unserer Mädchen war. Nur Laura war erschüttert über die Ungenauigkeit der Angabe des Punktestandes und verlangte einen staatlich geprüften Wettkampfrichter. –Das war allen egal. Das Spiel war trotz kleiner Ungenauigkeiten aber immer noch lustig, was vor allem daran lag, dass alle Inder begeistert spielten. Volleyball war außerdem nicht das einzige Spiel, das wir erlernten. Wir bekamen zusätzlich eine Einführung in den Sport „Cricket“. Es stellte sich heraus, dass wir unglaublich unbegabt in dieser Sportart waren. Deshalb  wandten wir uns bald wieder Dingen zu, die wir wirklich beherrschten. – Zum Beispiel das Meditieren im Shiva-Tempel.  Am späten Nachmittag ging es dann mit den Feierlichkeiten los. Alle zusammen machten wir uns auf den Weg zum Fluss. Dort angekommen sahen wir einige ältere Inder, aber auch kleine Kinder, die im Wasser badeten. Dadurch packte uns die Lust selbst auch den Sprung zu wagen. Simon, Max, Flo und allen voran Teresa stürzten sich ins kühle Nass. Die Strömung war relativ stark und so konnte man die munteren Gesichter erkennen, die sich nach oben verzogen, um nichts von dem hochspritzenden Wasser in den Mund  zu bekommen. Besonders fröhlich war Flo, dessen Steißbein liebevolle Begegnungen mit im Flussbett liegenden Steinen hatte. Das Herauskommen aus dem Wasser war auch nicht all zu leicht, jedoch schien es allen die Strapatsen wert zu sein. Jetzt beschloss auch ich mit in den Fluss zu gehen, was ich nicht bereuen sollte. Das Wasser war überraschend warm und ich fand schnell meinen Weg hinein. Ich hatte zuvor die Strömung unterschätzt, die es einem schwer machte an einem Fleck zu bleiben. Glücklicherweise war das Wasser nur etwa knietief und man hatte sich nicht zu fürchten.

Nach dem Baden beobachteten wir die Zeremonie zu Ehren des Flusses, bei der Essen und auch Kleidung ins Wasser geworfen wurden. Außerdem zündeten sie kleine Lichter an, die sie dann auf kleinen Schalen hinaustreiben ließen. Als wir zurück zur Schule kamen, war es schon recht kalt geworden und die Motivation war an einem Tiefpunkt angelangt. Deshalb beschlossen wir aufzubrechen, was auch hieß, Abschied zu nehmen. Zu diesem Zweck stellten sich die Kinder und Lehrer um uns herum auf und beteten für eine sichere Heimreise. Danach bekamen einige von uns Zeichnungen geschenkt und ich, weil ich am vorherigen Tag krank gewesen war, eine Packung Schwarztee. Einige Kinder weinten als wir fuhren, und auch die Lehrer schienen sichtlich berührt. Ich war erstaunt über die Gastfreundschaft und Nächstenliebe, die uns die Menschen hier entgegen brachten. Auch uns standen teils Tränen in den Augen und es überraschte mich selbst, dass auch ich so traurig war, obwohl ich die Kinder nur vier Tage gesehen hatte.

An diesem Tag schlief ich schnell ein und hörte nicht einmal mehr die laute Musik, die vom Flussfest bis in die Stadt dröhnte.

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